Symptome & Therapie

Was ist Muskelhypotonie?

Muskelhypotonie ist mehr als ein Symptom, selbst wenn sie im medizinischen Sinn nicht als eigenständige Krankheit verstanden wird. „Die Muskelhypotonie ist das Chamäleon der Kinderneurologie“ (Enders 2003, S. 516).

Muskelhypotonie hat viele Schattierungen, die ein unklares diagnostisches Relief ergeben, sofern keine Erkrankung zugrunde liegt. Die ersten Lebensjahre sind von Antriebslosigkeit und fehlender Vitalität überschattet. Im späteren Alter arrangieren sich die betroffenen Kinder mit ihren Defiziten und kompensieren diese bisweilen fantasie- und humorvoll.

Muskelhypotonie wächst sich jedoch nicht aus, wie einige Fachleute meinen (benigne Muskelhypotonie). Die Symptome erscheinen dezenter und werden im Laufe der Jahre von erworbenen Fähigkeiten überlagert, sodass sie nicht mehr vorrangig das Verhalten bestimmen. Den verschiedenen Verfärbungen eines wechselwarmen Reptils wie dem Chamäleon auf die Schliche zu kommen, ist nicht so einfach.

Frühe Symptome

  • Das Baby erwidert den Blickkontakt trotz liebevoller Zuwendung nicht.
  • Es wendet den Kopf und Blick nicht zu interessanten Dingen.
  • Das Kind beobachtet wenig die Umgebung, es wirkt teilnahmslos.
  • Neben oder nahe vor dem Kind liegende Objekte werden nicht beachtet,
  • es beugt sich nicht vor und greift nicht danach.
  • Die Augen wirken irritiert bei sich schnell bewegenden Objekten, z. B. Ball.

Nach diesen ersten Beobachtungen wird manchmal der Verdacht auf eine Autismusspektrumstörung ausgesprochen. Die kann ausgeschlossen werden, wenn für Muskelhypotonie typische Haltungs- und Bewegungsauffälligkeiten hinzukommen:

  • Das Baby strampelt wenig. Die Beine liegen gestreckt wie auseinander gefallen auf der Matratze. Es verdreht die Füße nach außen. In Rückenlage stemmt es die Fersen nicht gegen den Widerstand der Unterlage und beim Wickeln nicht gegen den Körper der Eltern.
  • Beim Hochnehmen und Tragen wirkt die Haltung puppenartig mit schlenkernden, baumelnden Gliedmaßen. Das Kleine fühlt sich schwer an und droht zu entgleiten. Es hält sich nicht fest, sondern lehnt sich an oder überstreckt sich.
  • Die Körperhaltung sieht schief aus, asymmetrisch, im Liegen, Sitzen und beim Tragen. Der Kopf verrutscht immer wieder aus der Körpermitte zur Seite, bevorzugt zur selben Seite.
  • Das kleine Kind greift nicht mit beiden Händen nach dem Spielzeug, lässt oft etwas fallen. Beim Greifen wird eine Hand bevorzugt, die andere wenig zum Spielen genutzt. In Rückenlage werden die passiven Arme zum Ohr hin angewinkelt, oder sie hängen beim Tragen nach unten.
  • Das hypotone Baby spielt ungern oder nie in der Bauchlage. Es hat große Mühe auf dem Bauch liegend, den Kopf zu heben. Meist sinkt dieser nach kürzester Zeit ab und wird bevorzugt zu einer Seite zwischen den Armen abgelegt. Die Unterarme sind unter dem Bauch eingeklemmt oder rutschen zu weit nach vorne, abstützen gelingt nicht.
  • Das Kind „hilft“ beim Anziehen nicht mit, streckt die Arme und Beine nicht entgegen.
  • Es nimmt weder Hände, noch Füße und Objekte in den Mund. Das Ausbleiben der Hand-Fuß-Mund-Koordination ist ein sicheres Zeichen für Muskelhypotonie.

Bei kinderneurologischen Untersuchungen sind die angeborenen primären Reaktionen (veraltet „Reflexe“) nur schwach und verzögert auslösbar, nie überreaktiv. Wenn die Saugreaktion abgeschwächt ist, besteht eine Trinkschwäche. Der Säugling kann nicht gestillt werden, schläft ein beim Trinken.

Die Diagnose, die bei den Vorsorgeuntersuchungen gestellt wird, lautet häufig „Entwicklungsverzögerung“. Der Säugling kommt verspätet zum Sitzen, krabbelt nicht, sondern zieht sich in den Stand hoch, lässt die Körperdrehung und die Hockstellung aus.

Im Kindergartenalter

  • Das Kind ist unsicher beim Klettern, traut sich nicht abwärts.
  • Die Kraft zum Hüpfen aus dem Stand (ohne Trampolin) ist eingeschränkt.
  • Es erlernt nicht selbst zu schaukeln, lässt sich anschupsen.
  • Das Kind vermeidet zu balancieren.
  • Die Bewegungen wirken nicht geschmeidig, sondern eckig und ruckartig.
  • Das Kind ist evtl. geräuschempfindlich, zieht sich in lauten Gruppen zurück.
  • Die Sprache klingt verwaschen, die Satzbildung ist ungenügend.
  • Das Kind zeigt wenig Selbstwirksamkeit, verhält sich passiv, probiert selten Neues aus.
  • Es vermeidet ausdauernde feinmotorische Tätigkeiten.
  • Das Kind verschüttet Flüssigkeit, lernt nicht sein Brot schmieren, oder Obst schälen.
  • Es ist langsam und unselbstständig beim Anziehen.
  • Verschlüsse bereiten ihm Schwierigkeiten.

Manchmal sind die Eltern lange Zeit ahnungslos und übersehen die besonderen Probleme ihres Kindes. Unsicherheit und Defizite können sich hinter einer verlängerten symbiotischen Bindung an die Eltern verbergen. Oft fällt der sensomotorische Entwicklungsrückstand den Erzieherinnen im Verhalten des Kindes in der Gruppe mit Gleichaltrigen auf.

Im Schulalter

Wenn die Muskelhypotonie in den ersten Kinderjahren, bestenfalls im Säuglingsalter, noch nicht erkannt worden ist, so entwickeln Schulkinder mit muskulärer Instabilität Kompensationsstrategien und verhaltenstypische Merkmale:

Beim Sitzen sind sie ständig mit der Suche nach der aufrechten Haltung beschäftigt. Sie rutschen an die Stuhlkante, wippen, stützen den Kopf auf, nesteln an Kleidung und Utensilien. Das ausdauernde Schreiben in Schreibschrift fällt ihnen schwer. Sie geben sich Mühe, und trotzdem ist die Schrift eckig, nicht auf der Linie, bisweilen unleserlich.

Die Ermüdung von Hand und Arm kompensieren einige Kinder mit dem Abwechseln der Hände, auch beim Schreiben. Die Präferenz für Rechts- oder Linkshändigkeit ist nicht immer klar erkennbar.

Die muskuläre Instabilität äußert sich als motorische Unruhe, Hyperkinesie. Dieses motorisch bedingte Verhalten wird generell als Aufmerksamkeitsdefizit gesehen, leider auch von Fachleuten. Ausdauer erfordernde feinmotorische Tätigkeiten, die mit Sitzen verbunden sind, bringen Kinder mit instabiler Körperhaltung an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Es kann zu „Fadenrissen“ kommen. Man sollte jedoch nicht generell davon ausgehen, dass unruhig sitzende Kinder unkonzentriert sind, sondern ihnen Stehpulte, Wipphocker und Bewegung anbieten.

Einige älter werdende Kinder mit Muskelhypotonie werden zunehmend bewegungsarm, vermeiden die Teilnahme am Schulsport, Ausdauer und Geräteturnen ist ihnen kaum möglich. Die meisten dieser Kinder turnen und toben jedoch gerne. Sie bewegen sich schnell und ruckartig, sie können sich nicht langsam und vorsichtig bewegen,

  • nicht auf einem Bein stehen, nicht balancieren,
  • sich nicht seitwärts und rückwärts bewegen,
  • nicht in Hockstellung etwas vom Boden aufheben,
  • nicht im Halbkniestand oder Hockstellung verweilen,
  • beim Purzelbaum nicht abrollen.
  • Die Sprungkraft ist vermindert, das Hüpfen nicht gleichmäßig rhythmisch.
  • Hampelmann und Seilspringen sind schwer erlernbar.
  • Bei Ballspielen fehlt Armschwung und Wurfkraft.
  • Beim Schwimmen kann der Kopf nicht über Wasser gehalten werden.
  • Viele lernen Fahrradfahren und manche Inlineskaten.
  • Beim Abbiegen können sie die Hand jedoch nicht vom Lenker lösen.
  • Sie sitzen ungern und unruhig, meist an der Stuhlkante.
  • Im Stehen senkt sich das Fußgewölbe unter Belastung ab, Knick-Senkfüße treten auf. Auch hypotone Plattfüße kommen vor.

Hyperkinetisches Bewegungsverhalten ist ein Kardinalsymptom verminderter Haltungskontrolle in Ruhe und kann aus neurophysiologischer Sicht in Verbindung mit muskulärer Hypotonie interpretiert werden.

Koordinationsstörungen werden heute unter dem Begriff „Umschriebene Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen, kurz UEMF“ zusammengefasst. Der Aspekt der muskulären Instabilität wird dabei vermisst.

Therapieempfehlungen

Im Säuglingsalter wirkt eine neurophysiologische Behandlung schnell und nachhaltig. Eltern geben der Castillo Morales®-Therapie den Vorrang, siehe Seiler (2017) S. 134 in „Nicht verzagen trotz Muskelhypotonie – Perspektiven bei Entwicklungsverzögerungen“. Speziell geschulte Physiotherapeuten behandeln Säuglinge neurophysiologisch, eine Zusatzqualifikation, ein Zertifikat ist erforderlich.

Reittherapie, Hippotherapie, wirkt sich positiv auf die Körperhaltung und Sitzhaltung aus. Die Bewegungen des Pferdes beeinflussen den Muskeltonus günstig. Trampolinspringen auf einem federnden Untergrund wirkt tonusregulierend und ausdauerfördernd. Es ist für heranwachsende Kinder und Jugendliche mit hypotoner Haltung unerlässlich als Bewegungsausgleich zu langem Sitzen. Lesen Sie dazu mehr in Seiler (2010) S. 200-202 in „Chancen für Kinder mit Muskelhypotonie und Entwicklungsverzögerung“.

In jahrzehntelanger Erprobung entwickelte ich eine neuromuskluäre Therapie zur Behandlung von Muskelhypotonie, Muskelschwäche und zerebralen Bewegungsstörungen, die Bewährtes aus dem Castillo Morales®-Konzept ergänzt und erweitert. Sie wirkt effizient bei genetischen Syndromen, früh geborenen und ausgeprägt entwicklungsverzögerten Kindern.